Rückdatiert: Mit 15 Minuten Verspätung landeten wir gestern Abend um 21.30 Uhr in Addis, konnten aber nicht sofort andocken, was noch mal 45 Minuten Verzögerung mit sich brachte. Es war schließlich 22.15 Uhr, als wir den Flieger verließen. Unsere Visa vor Ort im Terminal erhielten wir schnell und ich tauschte auch ein paar Euro in Birr, die äthiopische Landeswährung (aktueller Kurs: 24 Birr = 1 Euro). An der Gepäckausgabe angelangt, konnten wir auch schon unsere sechs Gepäckstücke, vier Koffer, eine große Reisetasche und ein Fußballtor-Karton, vom Band zerren. Seltsamerweise wurden diese vor dem finalen Ausgang alle noch mal geröntgt. Einzig mit dem kompakt verpackten Fußballtor (ein Bausatz aus Alu-Stangen mit Netz als Geschenk fürs Heim) gab es Probleme. Ich zeigte aufs große Bild außen auf der Verpackung, um zu erklären, worum es sich bei dem Paket handelt. Aber nein, ich sollte es doch bitteschön auspacken und wollte mir beim Aufreißen behilflich sein. Ich protestierte, da ich den Karton an der Schmalseite öffnen wollte, denn sonst hätte ich alle 30 Einzelteile nie mehr zusammen zurück in den Karton bekommen. Unschlüssig stand man herum, bis irgendwann ein höherer Zollbeamte das OK gab, uns hinfort winkte und wir mit unserem Gepäck endlich die Empfangshalle betreten konnten. Dort wartete Sozialarbeiterin Zedale, eine Vertreterin unseres Adoptionsvermittlers vor Ort, schon seit zwei Stunden auf uns. Wegen des immensen Gepäcks holperten wir dann mit zwei Taxis um kurz vor Mitternacht durch ein dunkles und fast menschenleeres Addis hinaus zur Hermannsburger Mission im äußeren Stadtteil Gulele. Dort machte uns ein Nachtwächter das Tor zum Missionsgelände auf und schloss uns unser Zimmer für die nächsten zweieinhalb Wochen in einem großen separat gelegenen Gästehaus auf. Wir warfen alles von uns und fielen schließlich erschöpft zu dritt ins große Doppelbett, begleitet von einem einsetzenden heftigen Regenguss, der uns laut akustisch daran erinnerte, dass wir diesmal in der Regenzeit nach Addis kommen und nicht wie bei Tamrat vor drei Jahren im äthiopischen Sommer.
Heute Morgen empfing uns aber strahlender Sonnenschein, während wir vom Gästehaus rüber zum Küchenhaus gingen. Die große Wiese, auf der Tamrat vor drei Jahren ausgiebig mit den zwei Kindern von Hauswirtschafterin Mulu gespielt hat, war nun sattgrün und zur Freude Tamrats mit zwei hölzernen Torrahmen bestückt. Mulu, ihr Mann Endalu und ihre beiden Töchter Dibora und Ruti waren hocherfreut, uns wiederzusehen. Die Freude war ganz auf unserer Seite. Mulu zauberte uns ein tolles Frühstück und im Anschluss überreichten wir unsere Geschenke. Daraufhin lud sie uns zum späteren Injera-Mittagessen zu sich ein. Doch bis dahin hatten wir noch viel vor: Zunächst haben wir uns im Zimmer häuslich eingerichtet, oben an der Hauptstraße in einem Shop Wasserflaschen gekauft, unser Handy mit einer mitgebrachten äthiopischen SIM-Karte aufgeladen und uns gleich mal beim lokalen Büro unserer Agenturvertretung in Addis gemeldet. Dabei verabredeten wir uns für 14 Uhr, um Banchiayew (wie sie nun offiziell geschrieben wird, Aussprache „Banschaju“ bleibt) im Bete-Zhata-Kinderheim („Haus der Gnade“) einen ersten Besuch abzustatten. Mitnehmen können wir sie noch nicht, da ja erst am kommenden Montag der Gerichtstermin stattfindet.
Das Taxi mit Dagne, dem obersten lokalen Repräsentanten unserer Agentur, kam pünktlich und wir machten uns auf den Weg in den Stadtteil Tor Hayloch, eine Ecke von Addis, die wir noch nicht kannten. Sämtliche Straßen sind bei Regen, der jetzt wieder einsetzte, schmutzig und die Straßenränder – ohne Bürgersteig/Rinnstein – wirkten besonders dreckig und zugemüllt. Der bedeckte Himmel sorgte dafür, dass alles noch schmuddeliger aussah, als zur Tocken-/Sommerzeit.
Das Heim, hinter einer großen Mauer mit zwei blickdichten Toren gelegen, machte einen sauberen und aufgeräumten Eindruck; es war nur von der erkennbaren Grundstücksfläche her sehr klein. Im Verwaltungsgebäude wurde nach kurzer nüchterner Begrüßung bzw. Bekanntmachung auf dem Arm ihrer Nanny schließlich Banchiayew herein getragen, die bei unserem Anblick gleich lauthals zu schreien begann. Tamrat ergriff daraufhin die "Flucht" und tapste derweil draußen im Dauerregen herum, was für ihn in diesem Moment offensichtlich beruhigender war. Stephanie wagte als Erste einen Annäherungsversuch und nahm Banchia auf den Arm. Reaktion: lautes Klagen ohne Tränen. Dann war ich an der Reihe, nachdem eine Frau aus der Heimleitung uns massiv drängte, nun endlich mit unserer Gestik Ausdruck zu verleihen, dass wir für das schreiende Kind nun bald Mutter und Vater sind. Wir entschlossen uns aber eher bei der Kontaktaufnahme behutsamer vorzugehen und das verschreckte Mädchen nicht sofort zu herzen und herumzuwirbeln. Mit ein bisschen Summen und Hin-und-her-Wiegen meinerseits beruhigte sich Banchiayew und wir konnten sie mal ein wenig anschauen und uns in sie verlieben. Sie sieht noch viel süßer aus als auf den vorab gemailten Fotos mit wunderhübschen langen Wimpern. Sei gegrüßt (amharisch: Tanaistillin), Banchiayew!
Nach rund einer Stunde drängte Dagne zum Aufbruch. Tamrat war – inzwischen total durchnässt - überdreht, aufgekratzt und einfach überfordert, auch wenn wir ihm alles vorab erklärt haben - soweit es in unserem Wissen lag - und er sich auf die Reise in sein Abstammungsland freute. Wir ließen einen alten Koffer voll mit Kindersachen im Heim zurück und machten uns dann mit gemischten Gefühlen über die heftige Reaktion unser künftigen Tochter ob unseres Anblickes auf den Rückweg zur Mission.
Aktuell sitzen wir im großen Gemeinschaftswohnzimmer unseres Gästehauses und überlegen, ob wir noch etwas zum Abendbrot zu uns nehmen sollen, denn durch Mulus Kochkünste zu Mittag und ihrem Insistieren, bitteschön noch ein, zwei Mal nachzunehmen, sind wir eigentlich pappsatt. Wir gehen besser zeitig zu Bett, da es bereits jetzt um 19 Uhr draußen bereits stockdunkel ist und wir durch den parallel frühen Sonnenaufgang in Äquatornähe den kommenden und alle weiteren Tage bestmöglich ausgeschlafen nutzen wollen.


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