Rückdatiert: Wir liegen gerade in unserem großen, leicht klammen Bett und lesen Tamrat vor. Der letzte Abend zu dritt! Morgen wird es eine neue, noch unbekannte Routine für den allgemeinen Tagesablauf mit einem Kleinkind geben. Und dazu gehört sicher nicht das örtliche ÖPNV-Angebot namens „Minibus“. Dieses wollten wir daher heute mal ausprobieren und sind mit diesen Kleinbussen (meistens Marke TOYOTA Hiace) in die Stadt zum Gottesdienst in der Deutschen Protestantischen Kirche nahe dem Siddist Kilo („Siebter Platz“) gefahren. Zunächst ist das Anhalten des richtigen Busses Schwierigkeit Nr. 1. Es werden vom „Kontrolleur“ (Fahrgeldeintreiber) die Endhaltestellen aus dem anfahrenden Bus geschrieen, die man erst einmal verstehen muss. Weiß man, in welche Richtung man fahren muss (bei uns war es zunächst die Piazza als zentraler Punkt im Zentrum) ist das Hineinkommen die nächste Hürde. Ziemlich rigoros (es drohen Bußgelder!) können nur maximal 12 Sitzplätzen im Inneren belegt werden. Wir zählten als zwei Personen (Kind kommt auf den Schoß) und kamen daher oben von der Hauptstraße gut weg. Man drückt im Wageninneren dem „Kontrolleur“ dann ein paar Birr in die Hand und bekommt meist sogar noch ein paar Münzen zurück. Eine Fahrt in die Stadt kostet mit diesem Transportmittel der einheimischen Bevölkerung nur ein Bruchteil von einer Fahrt im Taxi für uns Fremde (ca. 5 Birr/Person ggü. 100 Birr/Taxi). Mit ein Mal Umsteigen erreichten wir die Kirche, die etwas abseits der Straße hinter Mauern in einem Garten liegt. Wir kannten den Ort noch von 2008, als wir mit Tamrat mal dort waren. Dummerweise war am heutigen Sonntag aber kein Gottesdienst - Priestermangel aller Orten -, sondern erst wieder am kommenden. Nun gut, dachten wir uns, nicht weit entfernt liegt das Nationalmuseum an der King-George-Street: Laufen wir also gemütlich dorthin und sehen es uns an. Auf der großen Straße kamen uns viele Menschen im "Sonntagsstaat" entgegen und einige jüngere hatten sogar Talare und Doktorhüte auf und Blumen in der Hand. Aha, die frischgebackenen Absolventen der ebenfalls an dieser Straße liegenden Universität.
Die Ausstellung im Nationalmuseum kannte ich bereits durch meinen alleinigen Äthiopienbesuch im Jahr 2005. Es hatte sich nicht viel verändert, außer die Darstellung der Hominiden-Skelett-Funde aus Nordost-Äthiopien im Kellergeschoss - Stichwort: Lucy und ihre vor- und nachfolgenden Verwandten. Eine junge Führerin bot sich an, uns das Haus zu zeigen und erklärte uns daraufhin die wesentlichen Dinge, die auf allen vier Etagen zu finden sind (Keller: Frühmenschen, EG: Antike bis Kaiserzeit, 1. OG: neuzeitliche Kunst und Kunstgewerbe sowie im 2. OG: Ethnologie und Handwerk). Für Tamrat übersetzte ich das Wichtigste, aber nur wenige Dinge interessierten ihn wirklich. Am meisten beeindruckt war er vom Thron des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie (1974 abgedankt). Er war riesig, die Sitzfläche sehr hoch und zudem ungewöhnlich breit.
Ebenfalls mit Mini-Bussen traten wir gegen Mittag den Weg zurück an. In der Mission schließlich angekommen stellte ich mit Schrecken fest, dass das Etui meiner kleinen Digitalkamera am Gürtel leer war. Es schloss nicht mehr richtig und so lag der Verdacht nahe, dass sich ein Fahrgast von hinten unbemerkt „bedient“ hat. Naja, eine so einfache Gelegenheit macht eben Diebe. Glücklicherweise waren noch nicht sooo viele Fotos drauf, denn ich hatte parallel auch vieles mit der Videokamera in bewegten Bildern festgehalten. An ihr werde ich künftig nun öfter auf den Foto-Modus umschalten müssen, den sie zum Glück besitzt, um später nicht umständlich Standbilder aus den Clips extrahieren zu müssen.
Den Rest des trockenen Nachmittags verbrachte Tamrat mit Spielen mit den Mädels vom Personal. Es ist schon interessant zuzusehen, wie sich die Kinder irgendwie untereinander verständigen. Aber Uno oder Rush Hour sind als Spiele einfach und schnell erklärt, bzw. erklären sich von selbst. Mit ein bisschen Anmoderation durch uns Erwachsene lief das dann ganz gut alleine weiter.


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