Donnerstag, 1. September 2011

Die Prinzenrolle ist weg

Eine Frage ist bei all den Tagesschilderungen sicherlich etwas zu kurz gekommen. Nämlich die, wie Tamrat mit dem Abenteuer "neue Schwester" umgeht. Nun, in den Monaten vor der Benennung war er immer für ein Geschwisterchen. Mitunter sollten wir gar zwei adoptieren – sicher in Anlehnung an die drei Kinder von Schwager und Schwägerin und die drei Kinder meines Bruders. Wohl eine imaginäre Kinder-Benchmark, die hier Mäßstäbe setzte. Als es dann heraus war, dass wir eine anderthalbjährige Tochter bekommen werden, hat es Tamrat ohne große Regung aufgenommen. Kein "Iiih, ein Mädchen!" oder "Mein Spielzeug bekommt sie nicht!". Na gut, die Vorstellungskraft, was das letztlich mit sich bringt ist sicherlich bei einem 5-jährigen begrenzt. Er freute sich vielmehr endlich mal wieder zu fliegen und dann auch noch nach Äthiopien. Insofern hatten wir keine Bedenken, dass Tamrat überhaupt mitkommt und alles miterlebt, zumal er wissentlich keinen traumatischen Erlebnissen in und vor seinem Heimaufenthalt ausgesetzt war. In Äthiopien – dem Land seiner Vorfahren – war er neugierig, aber auch unsicher; er überspielte es mit ein wenig Arroganz und Lautstärke. Besonders, wenn man versuchte, aufgrund seines Alters ihn auf Amharisch anzusprechen. Was er persönlich an Eindrücken in Addis gewonnen hat, wird sich erst nach und nach herausstellen.
Bereits in Addis war uns klar, dass nach unserer Rückkehr Banchiayew im Stokke-Bett bei uns oben unterm Dach schläft. Sie hat durch die Umstellung juckende Pickelchen entwickelt, deretwegen sie unruhig schläft. Und es war daraufhin ebenso klar, dass Tamrat nicht unten alleine in der oberen Hochbettetage schlafen will. Insofern schlafen wir nun alle auf einer Etage, in einem Raum und der abendliche Zubettgeh-Rhythmus, wie auch die Nächte, sind zurzeit etwas kräftezehrend und nervig. Aber das gibt sich ja bald einmal...
Ansonsten geht es nach drei Wochen zu Hause zwischen beiden Kindern auf und ab: Mal ist Tami ruhig und lässt Banchiayews tapsige Art stoisch über sich ergehen, manchmal ist er aber auch nickelig und nachtragend. Mal wird wegen ihrer ersten lautmalerisch nachgeplapperten Worte herzhaft herumgealbert, mal verächtlich nachgeäfft. Dann wird mal gebusselt, gestreichelt und gefüttert wird, bevor wieder so getan wird, als hätte Tamrat eine tödlich ansteckende Mitbewohnerin zu akzeptieren. 
Die kleinen schönen Momente zwischendurch aber lassen darauf hoffen, dass auch Tami seine Schwester bald "adoptiert" und sein bisher alleine bewohntes Zimmerreich sowie auch sein Herz für sie öffnet. An gemeinsames Spiel ist zwar zurzeit noch nicht zu denken; es wir sind froh, wenn beide irgendwo in der Wohnung für sich "ihr Ding" machen ohne, dass was herunterfliegt und/oder kaputt geht (Banchia) und ohne hysterisches Herumgeschreie (Tamrat). Alles Weitere wird und muss sich finden...

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