(Rückdatiert) Während die Kinder nach dem Frühstück deutsche Videos anschauen durften - man kann ja nicht schon am Vormittag Fußball spielen -, schloss Köchin Mulu das Lager auf, in dem Korbwaren aus geflochtenen, z.T. eingefärbten Gräsern aufbewahrt wurden. Sie werden von Frauen aus Westäthiopien hergestellt und über die Missionsleitung verkauft. Das Geld fließt an die Herstellerinnen zurück. Stephanie und die anderen beiden Mütter stöberten durchs Lager und erstanden einige Dinge - vom Untersetzer bis zum schönen Papierkorb.
Mir dagegen war nach einem Haarschnitt, denn ich hatte oben an der Straße einen kleinen Barbershop gesehen und vor der Reise keine Zeit mehr gefunden, nochmal zum Frisör zu gehen. Als ich den Laden betrat, saß noch ein Kunde im Barbierstuhl. Na, dachte ich, dann wird's ja nicht mehr lange dauern. Weit gefehlt! Der Mann schnippelte ausdrucksstark noch weiter an ihm herum, obwohl er schon eine ultrakurze Frisur hatte. Wieder wurde die Schneidemaschine angestöpselt, wieder wurden Konturen nachbearbeitet. Nach 20 Minuten - die wenigen äthiopischen Uralt-Magazine hatte ich schon "durchgelesen" - wollte ich aufstehen und gehen, da es jetzt bereits 12 Uhr war. Aber man bedeutete mir, dass der Kunde jetzt fertig ist. Es dauerte aber nochmal 10 Minuten, in denen noch mit einem heißen und ausgewrungenen Waschlappen die Haare gewaschen, naja eher kräftig abgewischt, wurden. Dann nochmal schnippel hier und rasieren dort und endlich flog der Umhang zur Seite. Jetzt war ich dran. Sollte ich es wagen? Vielleicht käme ich erst zum Nachmittagskaffee da raus? Gut, Augen zu und durch: Ich wurde gefragt, wie ich es denn gerne hätte - jedenfalls denke ich, dass diese wichtige Frage es war. Ich sagte: "In the back smooth with no edge" (also auslaufend) und machte mit meinen Fingern Schneidegestik fürs Deckhaar und der Mann legte los. Zunächst wurde der Schwerkopf eingesprüht und abgefackelt, dann nochmals besprüht, was eine nette Stichflamme erzeugte. Nun gut, so wird also hier das Werkzeug desinfiziert. Und nun trennte mir der Meister in schwungvollen Scherkontakten die Haare vom Kopf und schnippelte mit der leicht ziependen Schere ebenso ausdrucksstark am Schädel herum wie dem Herrn vor mir. Scheinbar ist immer etwas Show dabei, um gegenüber der Kundschaft den - in meinen Augen lächerlich geringen - Betrag von 10 Birr (= 40 Euro-Cent!) zu rechtfertigen. Nun aber stockte der Maestro als es um das Feintuning meines Deckhaares ging. Wie sollte es denn nun zum Schluss aussehen? Ich versuchte ihm deutlich zu machen, dass ich es bevorzuge, meine Haare vorne etwas mit Gel nach oben zu formen. Oje, das lag wohl ein Missverständnis vor, denn daraufhin kämmte er mir alle Haare schwungvoll nach hinten. Ich sah kurz aus wie ein Rentner in den 1950ern. Plötzlich ging alles wieder nach vorne und er wirbelte hier und kämmte dort unter Zuhilfenahme weiterer Schnippeleien. Ich lächelte aufmunternd, sagte ihm ein freundliches "Ischi!", was ein äthiopisches Allround-"OK!" meint und der Mann holte Schale und Lappen. Kurze Zeit, das Werk im Spiegel zu betrachten: Gut, die Seiten waren etwas kürzer als sonst, aber akzeptabel. Jetzt kam der heiße Lappen über den Schädel, was nicht unerfrischend war. Danach nochmal kurze Show mit Schermaschine und Schere. Ich dachte schon, er hätte es vergessen, aber dann pumpte er sich Gel in die Hände und frisierte mein kurzes Deckhaar zu stacheligen Strähnen. Jetzt sah mein Spiegelbild etwas wie ein 80er-Jahre Popstar aus. Und so blieb es auch. Ich zahlte und freute mich auf die belustigten Gesichter in der Mission.


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